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Andachten

Dem Unergründlichen danken

September. Zeit der Ernte. Etliche Felder stehen bereits kahl. Diesmal bei geringerem Ertrag des Korns. Anhaltende Hitze und Trockenheit fordern ihren Tribut. Nichts ist selbstverständlich. September. Noch einmal nimmt der Sommer alle Kraft zusammen. Schwelgt in Farben und Düften. Gleichwohl zerrt der Wind manchmal schon an den Netzen der Spinnen. Kurz zuvor ließen die sich mit ihren Flugfäden noch tragen auf sanfteren Lüften. "Altweibersommer". Angeblich soll der Glanz der Spinnenfäden an die silbernen Haarfäden nicht mehr junger Frauen erinnern. Des Sommers hohe Zeit ist vorbei.

Ernte gut, alles gut?


Hosea ist ein Mann Gottes, ein Prophet, der dem Nordreich Israel wenige Jahre vor seiner Wegführung nach Babylon anschaulich vor Augen führt, wie Gott sich von seinem Volk hintergangen fühlt. Eine dramatische Geschichte: Hosea muss zum Zeichen, dass Israel mit anderen Göttern fremd gegangen ist, eine Prostituierte zur Frau nehmen. Er muss Kinder mit ihr zeugen und bei ihr bleiben und für sie einstehen, obwohl sie auch weiterhin, anderen Männern nachjagt. Denn so wie Hoseas Liebe zu ihr, so ist Gottes Liebe zu seinem Volk. Gottes Liebe ist Entscheidungsliebe. Gott steht zu seiner Entscheidung. Und er ruft sein  Volk zur Umkehr. So wie der Bauer Jahr für Jahr seinen Acker bestellt und den Samen auf Hoffnung in die Erde legt, so lässt Gott sein Wort auf den harten Herzensboden der Menschen säen.

Anruf aus New York von unserer damals noch minderjährigen Tochter: "Mutti hier gibt es nur Ausländer." Sie war verblüfft über die vielen Nationalitäten und Kulturen. Die Antwort meiner Frau: "Anne, das sind alles Amerikaner. Du bist die Ausländerin." Ich bin überall auf der Welt Ausländer, Fremder - außer im eigenen Land. Ich bin Fremder in einer anderen Gegend in Deutschland. Selbst auf dem Nachbargrundstück. Aber  wenn ich zu meinem Nachbarn komme, bin ich hoffentlich als Gast willkommen. Wo ich freundlich empfangen werde, da fühle ich mich wohl. Gastfreundschaft ist ein hohes Gut.

Im Hebräerbrief werden wir daran erinnert: Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. Hebräer 13,2 EÜ

Was für ein schöner und wahrer Satz, diese Überschrift zum Monat Juni. Nicht auszudenken, er wäre eine Überschrift zur deutschen Willkommenskultur. Oder gar zur geforderten "deutschen Leitkultur". Da würde er wohl manche Einschränkung erfahren. „Fremder“ und „Gast" sind in den Sprachen der Bibel das gleiche Wort. Man kann daher auch übersetzen: „Vergesst nicht, fremdenfreundlich zu sein.“ Von daher ist  Offenheit für Begegnungen mit Fremden ein zentrales Gebot. Viele biblische Erzählungen berichten uns von gewährter oder erfahrener Gastfreundschaft. Und Jesus ist bekannt für seine Tischgemeinschaften mit  ganz verschiedenen Leuten. Seine Gleichnisse entwerfen Szenen von Gästen, Gastgebern und Gastmahlen. Die Liebe zu den Fremden, die offene Tür für Gäste, die Gastfreundschaft als Grundklang in der Bibel hat drei gute Gründe:
Zuallererst: Gott liebt die Fremdlinge. Ausdrücklich wird der Fremdling als Schutzbürger im Alten Israel auch gesetzlich geschützt. Zum Zweiten: Es gehört zu den Erfahrungen der Israeliten, Fremdlinge gewesen zu sein in Ägypten. Aus Dankbarkeit für das selbst erfahrene Gute soll Gastfreundschaft geübt werden. Und schließlich: Alle sind letztlich Gäste Gottes. Denn wir Menschen leben auf Gottes Erde als Gäste, nicht als  Herren und Besitzer oder gar Besatzer.
Übrigens: Das mit den "Engeln" im Monatsspruch ist gut. Engel bringen Segen ins Haus. Ich weiß, dass auch Strolche unter denen sein können, die unsere Gastfreundschaft beanspruchen. Natürlich. Aber  rechtfertigt das das Schließen aller Türen und Herzen? Rechtfertigt enttäuschtes Vertrauen, daraufhin nie mehr zu vertrauen? Um Christi willen: Nein! Misstrauen ist kein Wert. Vorsicht vielleicht, aber Misstrauen nicht. Darum wagt bitte wieder Vertrauen trotz negativer Erfahrungen. Und die Aussicht auf Engel überwältigt alles Misstrauen. Inzwischen leben meine Frau und ich zwei Jahre mit einem jungen Ehepaar Tür an Tür: Kurden aus Aleppo, der zerbombten Millionenstadt in Syrien. Sie mussten aus ihrer Heimat fliehen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Wir hatten keine Ahnung, wie es werden würde, wenn wir Fremde bei uns aufnehmen. Wir  wussten nicht, wer kommt. Uns war nur klar, wir wollen Gastgeber sein. Längst sind aus Fremden Freunde geworden. Es ist ein Geben und Nehmen. Wir möchten diese Erfahrung nicht missen. Gastfreundschaft ist etwas Großartiges und Wunderbares. Wie gut tut es, wenn jemand mich willkommen heißt, seine Tür für mich öffnet, vielleicht sogar auftischt, wir uns erzählen und eine gute Zeit miteinander haben können. Gastfreundschaft kann man "genießen". Kennst du solche Erfahrungen?

Ihr/ Dein Pfarrer Matthias Lorenz

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